Nachruf Gustav Leonhardt (30. Mai 1928 – 16. Januar 2012)
Der Unterricht mit Herrn Leonhardt war immer bei ihm zu Hause, im Gartenzimmer seines 'Grachtenhauses', Haus Bartolotti in Amsterdam. Im Zimmer mit Zierbrunnen aus Italienisches Marmor und einen antiken Glas-Kronleuchter aus Murano an der Decke, stand das Cembalo beim Fenster, mit Ausblick auf den barocken Stilgarten, ein Stück Meißen-Prozellan auf dem leicht geöffneten Deckel. Seine Liebe für Esthetik, seinen ausgezeichneten Stilbewusstsein, unterrichtete er auch in der Musik. 'Hämmern und Poltern' war nicht dabei: welch grausame Idee, wenn das Meißen - Porzellan von einen wackelnden Deckel runterfallen würde! Einer seiner schönsten Stunden war die, in welche er mir am Nachmittag mit schier endlosen Geduld einen chromatisches Ricercare von J.J.Froberger analysierte, mir auf allen Dissonanzen in jeder einzelne Stimme hinwies, und erklärte was diese Kenntniss bedeutete für den Umgang mit Artikulationen, Bindungen, mit Zeit und Klang. Alsob ein Gemälde mit Tiefe und Farbe gefüllt wurde, so füllte sich das an. Eine große drei-dimensionalität im Klang entstand, eine Landschaft von Emotionen und Schattierungen... Die große Kunst des Kontrapunkts war seine Stärke. Ich bin so dankbar dass er mir diesen Kunst zugänglich gemacht hat !Am Montag, den 16. Januar 2012, ist Gustav Leonhardt im Alter von 83 Jahren in Amsterdam gestorben. Gustav Leonhardt - Cembalist, Organist und Dirigent – gilt in der Alten Musik- Szene neben Nikolaus Harnoncourt als einflußreichster Pionier der Historischen Aufführungspraxis. Auf seinem Debut in Wien in 1950 mit J.S. Bach’s „Kunst der Fuge“, ausgeführt auf Cembalo, folgten Engagements, 1952 als Professor an der Staatlichen Musikakademie in Wien, dann 1954 am Amsterdam „Sweelinck Conservatorium“. Er war Organist der „Waalse Kerk“ und der „Nieuwe Kerk“ in Amsterdam. Leonhardt empfing Ehredoktoraten der Universitäten in Dallas, Washington D.C., Amsterdam (UvA), Harvard, Metz, Leiden und Padua. Mit vielen Ehrungen wurde er ausgezeichnet: Zusammen mit Harnoncourt empfing er 1980 den Praemium Erasmianum für die Einspielung von alle Kantaten von J.S.Bach, er empfing Orden der Königshäuser der Niederlanden (2009) und Belgien (2007), und war „Commandeur des Arts et des Lettres“ (Franreich, 2007).
Er war bis zum Ende noch im internationalen Konzertleben hochaktiv: sein letztes Konzert gab er am 12. Dezember 2011 in Paris. Seine über 200 CD-Einspielungen gelten als Referenz-Aufnahmen. Wie kein anderer Clavierist vor ihm hat Leonhardt, dessen Interpretationen sich am Studium musikalischer Traktate des 17./18. Jahrhunderts orientiert haben, eine Spielkultur auf Historischen Tasteninstrumenten entwickelt und damit Generationen von bedeutenden Spielern in seiner Nachfolge geprägt – etwa Christophe Rousset, Ton Koopman, Robert Hill, Andreas Staier und Marieke Spaans, Professorin an unserer Musikhochschule. Maßstäbe gesetzt hat Leonhardt in der Art und Weise wie man Forschung und Praxis mit einander verbinden kann, wie man historisches Bewusstsein und Respekt für den Komponisten und sein Schaffen verbinden kann mit einem dynamischen Spielart und ein differenziertes Klangbild.
Er war dem Unterricht seiner Überlegungen und seiner Kunst sehr verbunden. Dabei war für ihn selbstverständlich, dass der musikalische Ausdruckskraft und Technik seiner Studenten wie einen Diamant geschliffen werden sollte, ohne die Persönlichkeit des Studenten anzugreifen oder verändern zu wollen. Er sagte in einem Interview für das „Goldberg Early Music Magazine“: „I never wanted to make clones of myself. Never.“ Das erklärt vielleicht warum seine Studenten alle so verschieden sind: sie einigen sich in der Präzision und der Klangsuche, die Resultate sind so vielfältig wie die Musik selbst...
Gustav Leonhardt war mehrmals an unserer Musikhochschule zur Gast: für Masterclasses, Konzerte und zuletzt als Experte der Berufungskommission für die Neubesetzung der Professur Historische Tasteninstrumente. Wenn er am Dienstag, den 24. Januar, unter Begleitung vieler Kollegen, Freunden und Studenten, zur Grabe getragen wird, endet mit ihm einen Ära. An uns die Aufgabe ihn zu gedenken, sein immer kritisches Ohr in uns zu bewahren und sein Werk fort zu führen.
Marieke Spaans, 23.01.2012